Anna (48)


Referentin,
ver­hei­ra­tet, Mutter:

“Das kann doch nicht alles gewe­sen sein!”


Ich habe schon ziem­lich viel erreicht in mei­nem Leben:

Mei­ne Woh­nung ist nach mei­nen Vor­stel­lun­gen ein­ge­rich­tet, alles passt zuein­an­der, ist kom­for­ta­bel und behag­lich, geschmack­voll gestaltet.
Mei­ne Kin­der sind dabei, ihrer Wege zu gehen. Ich habe sie dabei gut bera­ten und begleitet.
Mein Mann war ihnen ein guter Vater, hat sie auch unter­stützt und ist stolz auf sie.
Wir machen jedes Jahr einen gro­ßen Urlaub und klei­ne­re Fahr­ten, haben schon vie­le Län­der und Kon­ti­nen­te gese­hen. In mei­ner Arbeit ver­die­ne ich echt gutes Geld.

Und das war jetzt alles?!?
Irgend­wie fehlt da noch was. Was fehlt mir denn?

Nach dem Stu­di­um woll­te ich alles anders machen als mei­ne Eltern, nun sind zwar die Rei­sen grö­ßer, die Woh­nung schicker, haben wir bes­se­re Jobs und trin­ken bes­se­ren Wein – und den­noch ist da die­se Schwe­re und Müdig­keit, “Erschöp­fungs­syn­drom” sag­te die Ärz­tin. Ich füh­le mich so austauschbar.

Wo ist mein eige­nes Unver­wech­sel­ba­res? Wer bin ich selbst?
Nicht die ver­ständ­nis­vol­le Mut­ter und vor­zeig­ba­re Ehe­frau, die zuver­läs­si­ge, enga­gier­te Mit­ar­bei­te­rin und net­te Nach­ba­rin, son­dern ich selbst?

Das kann doch nicht alles gewe­sen sein!

Viel­leicht muss ich ja nicht die gan­ze Welt ver­än­dern, aber doch irgend­was bewe­gen, bewir­ken. Mei­ne Spur hin­ter­las­sen, Sinn spü­ren, Sinn bewirken.

Ich spü­re so viel ver­bor­ge­ne Kraft in mir und Sehn­sucht nach Leben. Ich möch­te das Leben füh­len, muss irgend­was gründ­lich ändern, damit ich nicht völ­lig in Rou­ti­ne ersticke, ein­ge­fan­gen in Funk­tio­nie­ren und Pflicht­er­fül­lung auf der einen, sowie Ablen­kung durch Kon­zer­te, Thea­ter, Rei­sen, Wein und ande­re schö­ne Neben­sa­che auf der ande­ren Seite.

Für die berühm­te Mid­life Cri­sis bin ich wohl ein biss­chen zu alt, aber viel­leicht steckt was ande­res dahin­ter? Bin ich an einem spi­ri­tu­el­len Kreu­zungs­punkt angelangt?

Was fan­ge ich mit mir an?